Dienstag, 7. April 2009

Wochenendausflüge

Seit neuestem strukturiere ich mir meine Woche immer so, dass ich wenigstens einen Tag am Wochenende komplett frei habe und nichts für die Uni machen muss. Das funktioniert
so weit ganz gut und somit überleg ich mir immer wieder neue Ausflugsziele. Diese gehen dann von Erkundungstouren durch Beijing und seine Hutongs, die Parks und durch DIE Teestraße (Malian Dao, 马连道) in Beijing, in der ich mich auch ordentlich mit Tee eingedeckt und auf chinesische Art Tee aufbrühen gelernt habe, über Touren nach Tianjin und nun am verlängerten letzten Wochenende in die chinesische Provinz.

Mein Lieblingsmitstreiter hier war vor ca. drei Jahren zum ersten Mal in China und hat zu dieser Zeit über die Jesuiten vermittelt in einem katholischen Nonnenkloster englisch gelehrt. Vor zwei Jahren war er über einen Austausch noch einmal dort und nun haben wir die Nonnen zusammen dort besucht. Wir fuhren erst mit dem Zug sechs Stunden nach Süden in die Stadt Handan (邯郸) und dann nochmals zwei Stunden mit dem Bus gen Osten nach Daming (大名). Da unten, bzw auch schon auf dem Weg, sieht man den Entwicklungsstand, der den größten Teil Chinas ausmacht - ungefähr der, den die Vororte von Addis Abeba haben. Ich fühlte mich an vielen Stellen tatsächlich an Äthiopien und auch Swaziland erinnert - jetzt, da es auch langsam wieder wärmer und staubiger wird. Außerhalb der großen Städte ist China einfach noch Entwicklungsland. Es gibt zwar keine Lehmhütten und überall wird abgerissen, neu gebaut, bewässert und es herrscht ein reges Treiben und Wuseln, aber der Müll und Dreck liegt überall herum, der Kleinsthandel floriert, man wird als Ausländer noch ordentlich angegafft und die meisten gehen auf rudimentäre öffentliche Toiletten. Der Verkehr ist gewohnt chaotisch, die Gefährte drei-rädrig (aber viele Elektro(!!!)roller) und an der Stelle, an der man in z.B. Äthiopien auf der Landstraße auf Rinder, Ziegen oder ähnliches Nutztier, das die Straße überquert, aufpassen muss, fahren und laufen dort ständig Leute über die Straße oder kommen einem einfach Geisterfahrern gleich entgegen - ein ewiges Zick-Zack, Ausweichen und Hupen.

Da Religion in China bekanntlich Staatsreligion heißt, bewegt sich auch die katholische Kirche hier auf einem schmalen Grat. Es gibt hier die sogenannte Erste Kirche, die sich ganz klar zur Staatsraison bekennt und angeblich mitunter Parteifloskeln in der Kirche aufhängt, die Zweite Kirche, zu der die Gemeinde in Daming gehört und die keinen offiziellen Kontakt mit Rom hat und vom Staat geduldet wird und dann gibt es noch die Dritte, die Untergrundkirche, die ganz strikt dem Vatikan folgt und nur insgeheim existiert. Jedenfalls habe ich es mir so erklären lassen und wenn hier etwas falsch ist, immer her mit den Korrekturen. Die Nonnen dort betreiben ein Altersheim, ein Heim für geistig bzw körperlich Behinderte und natürlich Missionsarbeit - in China nimmt, im Gegensatz zu Deutschland, die Zahl der Kirchenmitglieder wohl stetig zu. Wir nahmen auch an der Messe zum Palmsonntag teil - was ich in Deutschland nie mache, warum nicht in China... Auch eine solche Messe ist in China nicht ohne Geräuschpegel zu bekommen - die Kinder flitzen und rufen durch die Gegend und man unterhält sich gern. Die Nonnen dort haben sich wunderbar um uns gekümmert, auch wenn es teilweise ein wenig zu viel war. Aber diese ganze Gastfreundschaft ablehnen, geht auch nicht.

Zurück in Handan besuchten wir noch den dortigen Pfarrer, der uns ein wenig die „Zielgruppe“ der Gemeinde dort erläuterte - die ohne Hochschulabschluss und nur mit einer ganz grundlegenden Ausbildung versorgten, in ganz einfach Jobs arbeitende bzw. arbeitslose große Masse der Bevölkerung. Sie verfolgen viele Bildungs- und Sozialprojekte und erweitern dadurch ihren Einfluss - an der Stelle, an der der Staat versagt, tut die Kirche dann wichtige Arbeit und die Genossen (oder Schäfchen, wie man's will...) wandern über.

Das letzte Wochenende war das "chinesischste" Wochenende der letzten sieben Monate - von morgens bis abends nur Chinesisch, wahre chinesische Festessen mit dem Pfarrer (...) und dazu die Provinz, von der ich immer nur dachte "Hier muss doch mal jemand aufräumen! Räumt doch einfach mal den ganz Mist hier weg!" Aber diese Massen an Menschen logistisch zu versorgen, braucht noch einiges an Investitionen.

Mittwoch, 18. März 2009

So, jetzt geht's hier mal weiter!

Der Ausnahmezustand Semesterferien, Ines ist hier, Franz zieht um ist jetzt also alles vorbei, der Unialltag hat wieder begonnen und somit kann ich auch hier mal wieder ab und zu ein wenig schreiben. Die Mail über meinen kleinen Trip durch die Mandschurei solltet ihr ja inzwischen bekommen haben (wer nicht, aber gerne will, kann sich ja ma bei mir melden), die Mail über den Geschichtstrip mit Ines kommt noch und nun könnt ihr euch hier ein paar Bilderchen zum Touritrip mit Ines durch Beijing angucken.

In der Uni ist nicht viel los, da ich ja nun einmal einfach weiter studiere. Ich belege zwei Chinesischkurse und zwei zur Physik. Die letzteren beiden werden mir noch ganz schön Arbeit verpassen, da ich die Vorlesung immer ganz schön nachbereiten muss, weil ich im Unterricht selbst leider noch nicht alles verstehe. Und dazu kommen die schönen Aufgaben. Jede Woche neu...

Und ja, ich bin umgezogen. Ich hatte keine Lust mehr, ständig das Gefühl zu haben, überwacht zu werden und mir meine Teelichte wegnehmen zu lassen, da es ja nicht erlaubt ist, ein offenes Feuer im Zimmer zu haben...Jedenfalls bin ich unweit der Uni in eine kleine WG mit zwei anderen Chinesen gezogen, von denen aber meistens nur meine eine Mitbewohnerin da ist, da mein zweiter Mitbewohner für irgendeine Werbefirma arbeitet und oftmals außerhalb zu tun hat. Das ist aber auch besser so, da er raucht und außerdem ein typischer Mann ist - der Klodeckel muss eben offen stehen! Somit erlebe ich jetzt ein wenig mehr "echtes" chinesisches Leben hier. Mit meiner Mitbewohnerin, Po Li, unterhalte ich mich oft über's Essen und habe auch schon jede Menge neuer Vokabeln diesbezüglich gelernt. Sie kocht jeden Abend und ab und zu schau ich ihr ein wenig über die Schulter, um ein mir ein wenig chinesische Kochkunst abzugucken. Wenn ich allerdings etwas westliches koche, dann rümpft sie immer nur die Nase und sagt: "Das trau ich mich nicht zu essen." Meine Salami und auch rohe Zwiebeln auf der Thunfischstulle scheinen sie wirklich zu ekeln...

Unweit meiner Haustür kann ich jeden Tag auf den Markt gehen, mir frisches Obst und Gemüse und nicht ganz so frisches Fleisch kaufen. Wenigstens waren bis jetzt keine Fliegen auf dem Fleisch, aber das kommt vielleicht noch im Sommer...Und wenn ich keine Lust habe, zu kochen, gehe ich einfach in eins der kleinen Schnellrestaurants und esse dort ähnlich gut, wie in der Mensa. In meinem Zimmer kann ich am Tage Vögel, die vor dem Krach der Stadt in die Hinterhöfe flüchten, hören und ein Schwarm Tauben hat täglich einmal Ausflug und pfeift hier durch die Gegend. Heute Abend, da es endlich wieder wärmer wird und das Quecksilber bis auf 27°C(!!!) geklettert ist, zieht eine leichte Brise durch mein offenes Fenster und die Musik einer alten Frau oder eines alten Mannes hallt von den Häuserwänden in mein Zimmer. Ich glaube, der Sommer wird großartig!




















Dienstag, 27. Januar 2009

Sülvesta!!!!

Vorletzte Nacht wurde also endlich auch in China so richtig Silvester gefeiert! Nur dass es hier nicht Silvester, sondern Frühlingsfest (春节), mit dem das neue Jahr nach dem chinesischen Kalender beginnt, heißt. Wieder einmal hat also ganz China für eine gesamte Woche frei, alle fahren nach Hause, reisen durch die Gegend und gucken sich ihr Land an. Deshalb haben Ines und ich auch beschlossen, diese Woche noch in Beijing zu verbringen und uns den Reisestress, die überfüllten Züge und ausgebuchten Hotels zu ersparen.

Die Nacht von 25ten auf den 26ten war schon ein Erlebnis für sich. Am Sonntag selbst wollten wir noch auf den Panjiayuan, ein Antikmarkt im Südosten Beijings, auf dem sonst am Wochenende immer jede Menge los ist und man viele kleine und große Schätze entdecken kann. Diesmal war allerdings so gut wie keiner der Stände offen - alle waren wohl mit den Vorbereitungen für den Abend beschäftigt. Auch der Rest der Stadt war nicht wiederzuerkennen. Straßen, die sonst von Autos vollgestopft sind und man beim Überqueren eben jener höllisch aufpassen muss, waren wie leergefegt, kaum ein Mensch war unterwegs. Nur ab und zu erschraken wir, da einmal mehr ein Chinaböller (höhö) oder ähnliches Schießpulver in die Luft flog. Da wird einem aber tatsächlich teilweise himmelangst, wenn man ewiges Geknalle hört, aber nichts sieht.

Sobald die Sonne untergegangen war (also so gegen 17.30 Uhr), konnten wir auch die ersten Raketen und anderes Feuerwerks bestaunen. Netterweise befindet sich unser Unterschlupf für den Monat, den Ines hier ist, im 18ten Stock und somit hatten wir ein großartigen Überblick über das Geschehen. Mit jeder Stunde, die uns dem Jahr des Rindes näher brachte, nahmen der Geräuschpegel zu und die Intervalle zwischen den schönen bunten Feuerbällen direkt vor unserem Fenster ab. Wir waren froh, dass wir nicht auf der Strasse unterwegs, sonder sicher in unserer Höhle waren, als dann um Mitternacht halb Beijing in die Luft flog! Solch ein Feuerwerk habe ich noch nie gesehen! Circa ein halbe Stunde lang hörte der Höhepunkt des Schauspiels nicht auf, das sich insgesamt über mindestens fünf Stunden hinzog und auch heute Abend weiterging (vor knapp zwei Stunden Flogen Raketen fünf Meter vor unserem Fenster in die Luft, die haben echt ne Macke!).

So, und damit ihr nicht denkt "Der blöde Bauer, hatter mal nen richtiges Feuerwerk gesehen, da geht ihm gleich einer ab...", hier der Beweis! Um den Spannungsbogen komplett zu spannen, müsst ihr euch die Videos allerdings der Reihenfolge nach ansehen! Viel Spaß und Froooooheetttt Neueeeeet!




Montag, 29. Dezember 2008

圣诞快乐!

Moin Allerseits. Nun ist sie also vorbei, die schöne Zeit des bedächtigen Beisammenseins in mäßig geheizten räumen bei dämmrigem Licht. Die Zeit des Brütens und Diskutierens, des Wartens und der Vorfreude auf die Zeit danach. Die Zeit der Aufregung, der schlaflosen Nächte und der schwitzenden Hände. Genau! Es geht um die Prüfungszeit! Nix hier mit Tannenbaum, Schokolade, Gans und Co. Hier ist momentan Prüfungszeit. In meinem Falle hat sich der Spaß ganz genau über die Weihnachtswoche erstreckt, manch andere müssen noch bis in den Januar hinein lernen und Prüfungen schreiben. Nichtsdestotrotz wünsche ich euch noch ein paar Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch in das neue Jahr!

Zwar hingen an manchen Türen Weihnachtsmänner herum und das obligatorische 'Merry Christmas' auch, aber so richtig wollte dieses Jahr keine Weihnachtsstimmung aufkommen. Prüfungsstimmung dafür allerdings auch nicht - es war ja Weihnachten...Heilig Abend sind wir schön indisch essen gegangen, haben Erdinger getrunken (Das hab ich mich noch nie getraut! Not macht erfinderisch!;)) und sind dann früh in die Koje. Ein schönes Weihnachtsfrühstück hab es am gestrigen Sonntag im Café Konstanz. Das ist eine deutsch Bäckerei, aus der ich ab und zu ein Schwarzbrot beziehe und in dem man auch schön frühstücken kann. Räucherlachs, Salami und Käse schmecken auf einmal ganz anders, wenn man sie nach vier Monaten zum ersten Mal wieder auf der Zunge hat!!! Mann, war das lecker!

Ab jetzt habe ich Semesterferien bis Ende Februar. Silvester werden wir auch ganz normal in irgendeiner Bar verbringen und dann geht's bald los auf Reisen in die Mandschurei, genauer nach Harbin, Changchun, Shenyang, Dandong, Dalian und andere schöne Städte im Nordosten Chinas. Davon dann aber in ca. zwei Wochen mehr.

Der Franz

Mittwoch, 10. Dezember 2008

Wenn man dann mal vordringt...

Wenn man sich Stück für Stück mit Chinesen hier anfreundet und diese Freundschaft dann auch pflegt, kommt man mitunter in den Genuss gewisser Informationen über Veranstaltungen und Ereignisse in und um die Uni herum, die einem als Ausländer eher verborgen bleiben...

Letzten Sonntag gab es einen von der Uni veranstalteten Gesangswettbewerb, von dem mir ein Freund, den ich in einem Physik-Kurs kennen gelernt habe, erzählte. Dieser beinhaltete, dass die Studenten jeder eher technisch orientierten Fakultät - 12 an der Zahl - sich ca 2 Wochen lang vor dem Ereignis fast jeden Nachmittag in Chören zusammenfanden und zwei Lieder einstudierten. Insgesamt nahmen also 12 Chöre plus einen Lehrerchor und plus einen professionellen Chor, der vorrangig aus Studenten, die zu nationalen Minderheiten gezählt werden, teil. Mitunter waren dies dann Chöre, die aus bis zu über 100 Männern und Frauen bestanden. Das Ganze war eine Veranstaltung, bei der sich mir die Kinnlade herunterklappte, ob dessen, was ich da sah und hörte. Und ich hab natürlich meine Kamera vergessen...

Das Spektakel fand in dem hiesigen überdachten Sportstadion statt, das leider trotz der inzwischen eisigen Temperaturen von -5°C nicht geheizt war. In der Mitte war eine riesige Bühne und rechts und links von dieser jeweils ein 3x5 Meter großer Bildschirm aufgebaut. Die Bühne war nicht einfach nur eine Bühne, sondern eine Aussage: Der Hintergrund war eine Kollage aus Bildern der neuesten Bauten (Pearl Tower, das "Nest", das Aquatic Centre und andere, eher alte Bauten) und einer überdimensionalen chinesischen Flagge. Die Eröffnung des Wettbewerbs hat mich dazu veranlasst mich fast selbst dafür zu ohrfeigen, dass ich meine Kamera nicht mit hatte: Zu ohrenbetäubend lauter, heroischer und überaus emotionaler Musik lief ein ca 4-minütiges Video über die Bildschirme, dass einen kurzen historischen Abriss über die letzten 65 Jahre lieferte. Es begann mit Kämpfen (wahrscheinlich aus Zeiten des Zweiten Japanischen Krieges oder den Zeiten der Kämpfe mit den Kuomintang), ging dann über zur Ausrufung der Volksrepublik China durch Mao Zedong 1949, dann ein kleiner historischer, ja eigentlich unbedeutender Sprung von 30 Jahren (eben mal fix die Zeit des Großen Sprungs nach vorn ausgelassen) ins Jahr 1978 (Politik der Öffnung), dann hier und da einzelne Ereignisse, die ich nicht einordnen konnte, Raketenstarts, dann natürlich der erste eigenständig von China durchgeführte bemannte Raumflug und natürlich die Olympischen Spiele. Und alles das zu bereits erwähntem Krach, damit auch ja keiner wegdöst und nicht hinguckt, welche großartigen Errungenschaften in den letzten 30 Jahren verzeichnet werden konnten. Daraufhin standen alle auf und die Nationalhymne wurde gesungen. Damit war die Eröffnung aber noch nicht vorbei! Die zwei Damen und zwei Herren, die die Moderation übernahmen, verlasen noch einmal verschiedene Eckpunkte der letzten dreißig Jahre und was sich nicht alles in dieser Zeit an der Tsinghua University abgespielt hat und begrüßten am Ende die Jury, die aus Professoren der Uni bestand.

Und dann ging es endlich los! Und wie es los ging! Sehr homogen und gesittet. Die Auf- und Abgänge der Chöre waren offensichtlich vorher geübt worden, alles lief sehr geordnet ab, fast wie bei der Armee. Bis auf einen Chor waren die Männer immer in schwarz-weiß und die Frauen entweder in rot oder in blau gekleidet. Die Lieder handelten von ihrer liebe zum geliebten China, von unseren Helden den Soldaten, oder vom Gelben Fluss. Zwei Lieder standen ganz besonders hoch im Kurs und ich durfte sie jeweils fünf und vier Mal hören...Zwischen den zwei Liedern eines jeden Chors lief zum Teil noch einmal ein Video - entweder über die vielen Freiwilligen, die sich bei den Olympischen Spielen engagierten, oder auch über die Soldaten, die so viel Opfer des verheerenden Erdbebens in Sichuan im Mai dieses Jahres gerettet haben. Zum Teil hatten die Chöre auch gewisse Choreographien einstudiert - ein wenig schunkeln, Arme in die Luft strecken oder eben am Ende des Liedes kleine chinesische Fähnchen in Luft strecken. Zum Ende gab es noch eine Siegerehrung und Urkunden für die Gewinner.

Das Ganze war eine Mischung aus Propaganda, Patriotismus und so dermaßen ideell geschwängert, das ich dachte, ich lebe ein Buch...Und die Studenten machen das alle mit und finden das eben normal. Sie würden wahrscheinlich, wenn sie im "Westen" unterwegs wären, genauso bedeppert gucken, wie ich, aber es war einfach spannend, so etwas einmal life zu sehen. Parteipolitik ganz nah. Faszinierend.

Dazu kommen dann noch solche Geschichten, dass den Studenten im Grundstudium (vier Jahre) abends 23.30 Uhr der Strom abgestellt wird, dass Studenten im ersten Jahr keinen Computer haben dürfen und dass sich, wie es scheint, am letzten Sonntag schon der zweite Student innerhalb eines Semesters vom Haus gestürzt hat. Begründung: der Druck war zu hoch. Recht einfache Erklärung und, wie ich finde, nicht ausreichend. Wiederum bietet diese Uni den Studenten hier die besten Ausbildungsmöglichkeiten im Land und die besten Chancen auf eine steile Karriere - Parteimitgliedschaft vorausgesetzt. Eben jener Physikerfreund hat mir erzählt, nachdem ich ihn daraufhin angesprochen habe, ob es bald schneien wird, dass er hoffe, das dies nicht so bald geschehen wird, da er dann Schnee schieben muss. Da habe ich ihn ganz verdaddert angeschaut und gefragt, ob alle Studenten Schnee schieben müssen - nein, nur die, die in der Partei sind...Und somit eröffnet sich mir ein neues, unglaublich spannendes Feld! Und sein Interesse daran, was ich denn davon halte, dass Sarkozy sich mit dem Dalai Lama trifft, ist natürlich auch nicht gering.

Und damit sei es genug für heute.

Liebe Grüße vom Franz

Aus Beijing.

Sonntag, 30. November 2008

Und keine Feuerzangenbowle

Wo kriegt man in Beijing eigentlich nen Glühwein her? Oder gar eine Feuerzangenbowle? Eine Currywurst, ein Spanferkel? Und wie sieht es mit Stollen aus? Die Fragen habe ich mir wahrlich nicht gestellt, aber die deutsche Botschaft macht's möglich! Sobald ich davon erfuhr, dass es einen Weihnachtsmarkt (eigentlich ein Weihnachtsbasar) geben würde, tropfte mein Zahn auch alsbald beim Gedanken an Glühwein. Der Rest war mir egal, gab's aber trotzdem!

Pünktlich zur Eröffnung der vielen Weihnachtsmärkte in Deutschland gab's also auch hier in Beijing gestern einen Solchen - zum Teil gesponsert von den hier ansässigen Firmen... Er war zwar lange nicht so groß aber die Menschendichte war mindestens genauso hoch und die Preise standen einem "originalen" Weihnachtsmarkt auch in nichts nach. Wir sind mit einer multinationalen Truppe (Australier, Koreaner, Japaner, US-Amerikaner und natürlich Chinesen) von ca 12 Männlein und Weiblein dort hin und haben somit intensivst Kulturaustausch betrieben. Meine Tandempartnerin war auch neugierig ohne Ende, hat alles einmal ausprobiert - naja, sie blieb beim Kinderpunsch, ansonsten aber jede Menge Leckereien - und hat sich sogar einen Weihnachtskalender gekauft, der zwar bis zum 25ten geht, da er ein US-amerikanischer war, aber macht ja nichts. Einen Chor gab's, einen Weihnachtsmann und sogar Jagertee. Alles, was so ein Weihnachtsmarkt eben braucht. Nur die Feuerzangenbowle, die hat gefehlt! Darauf angesprochen schlug mir der Glühweinverkäufer vor, doch im nächsten Jahr einen solchen Stand aufzumachen...War jedenfalls alles sehr lustig und als ich pleite war, sah es bei den anderen auch nicht anders aus und wir sind nach Hause. Leider gibt es diesen Markt nur einmal im Jahr...

Sehr amüsant war auch der Freitagabend. Da dachten wir uns, wir sind einfach mal komplett dekadent und gehen ins Hyatt. Im Internet hatten wir gesehen, dass es dort eine Lounge im 65ten Stock mit Bombenaussicht gibt. War auch so und es gab sogar Oliven und Cashew nuts zum Bierchen dazu! Was man sich als Stipendiat nicht so alles gönnt...Wahlweise gibt es dort auch Weinflaschen zu einem Schnäppchenpreis von 5500 Euro...

Einen schönen ersten Advent euch! Wir haben ihn heute mit leckerer Kürbiskernsuppe (selbstgemacht! Nicht von mir, aber trotzdem!) und südkoreanischem Essen und einem Teelicht gefeiert!

Der Franz

Freitag, 21. November 2008

Mit 431 Sachen

Entschuldigt die lange Sendepause, aber gut Ding braucht Weile und Alltag ist eben überall nur Alltag...Aber am Wochenende war ich Shanghai.

Vor ca einem Monat bin ich mit einem meiner DAAD-Mitstreiter zu einer Eröffnungsfeier einer Kneipe hier Beijing gegangen, bei der auch eine Bekannte eben dieses DAAD-Mannes zugegen war. Diese wiederum ist seit nunmehr 4 Jahren in China und wohnt mittlerweile in Shanghai. Eben jene hatte uns damals jedenfalls eingeladen, sie doch einmal dort unten zu besuchen und das Angebot einer kostenlosen Übernachtung schlägt man natürlich nicht aus.

Somit ging es am Freitag im Luxusnachtzug auf gen Süden zur "Hure des Orients" (Lonely Planet). In China gibt es fünf verschiedene Klassen im Zug: es gibt ganz einfach Stehplätze, es gibt harte Sitzplätze, weiche Sitzplätze, harte Schlafwagen und weiche Schlafwagen. Allerdings heißt hart an der Stelle nicht, dass es Holzpritschen oder Plastestühle sind, sondern dass man sich das Abteil einfach mit mehr Menschen auf einmal teilt und es entsprechend enger ist. "Leider" gab es keine Hartliegen mehr und wir "mußten" 1.-Klasse-Luxus-Tickets nehmen. Somit hat man dann ein Viererabteil, süße Hausschuhe, eine Thermoskanne, Zahnbürsten und natürlich einen Weckdienst. Die ganze Fahrt dauerte ca 11 Stunden und morgens 7.30 Uhr kamen wir in Shanghai mehr oder minder ausgeschlafen an.

Erster Eindruck: Es ist naß! Dafür aber nicht so kalt wie in Beijing. Die U-Bahn ist breiter aber trotzdem genauso voll und durch die Nässe stinkt es mitunter noch schlimmer in der Shanghaier U-Bahn als in der Beijinger. Zweiter Eindruck: Shanghai ist hoch. Ein Haus überragt das andere, jeder Architekt hat versucht eine ausgefallenere Dachstruktur als seine Kollegen in den Himmel zu setzen, aber bei diesigem Wetter lohnt es sich einfach nicht, in den 100sten Stock für teures Geld zu fahren um dann doch nichts zu sehen. Da haben wir uns dann kurzerhand entschlossen, eine 3-stündige Bootstour den Huangpu Jiang entlang gen Norden zur Mündung in den Chang Jiang (Jangtsekiang) zu machen. Entlang der Strecke fährt man einzig und allein durch Industrieanlagen, an Schiffswerften und Raffinerien vorbei. Kein Schöner Anblick, aber trotzdem spannend - man kann ja lauter tolle große Schiffe angucken! Die Mündung in den Chang Jiang ist riesig und wir konnten das ander Ufer dieses Riesenflusses nur erahnen - wahrscheinlich war es sogar nur die vorgelagerte Insel im Fluss, die wir erspähen konnten.

Entlang des Waitan (oder auch Bund, die Uferpromenade entlang des Flusses, ähnlich den Landungsbrücken in Hamburg) zu spazieren ist eher anstrengend, da die Massen an kleinen Händlern natürlich jedem Nicht-Asiaten und offensichtlichem Touristen ihren Schnick-Schnack anbieten. Dazu kommen die Chinesen, die unwahrscheinlich gerne Photos mit uns, den Laowai (alte Ausländer), machen. In der Haupteinkaufsstrasse, der Nanjinglu, geht das große Fressen dann weiter, nur dass sich hier dann auch noch gewisse Damen anbieten und man gewisse Gewürze zum rauchen erwerben kann...

Spannend an Shanghai, ist vor allem das Gefühl, dass die Partei, dass Beijing weit weg ist. Alles wirkt viel liberaler, etwas chaotischer und vor allem regiert hier der Konsum. In den U-Bahn-Stationen gibt es jede Menge kleine Läden und vor allem fällt das viel nackte Fleisch auf den Werbeplakaten für Damenunterwäsche, Parfums und ähnliches auf. Während man in Beijing mit einem fröhlichen roten Banner mit der Aufschrift "Die Haupstadtbevölkerung zollt den Genossen Soldaten ihren Respekt" am Hauptbahnhof empfangen wird, quellen einem in Shanghai die Brüste entgegen...

Und natürlich war dann da noch der Transrapid! Das wollten wir uns nicht nehmen lassen! Wenn man sich diesen Spaß schon nicht in Deutschland gönnen kann, dann doch wenigstens in Shanghai! Für 80 RMB kann sich ein Return-Ticket kaufen um herrliche 2 Minuten lang einen Geschwindigkeitsrausch von 431 km/h zu erleben. Und alles ganz reibungslos (jaaa die Herren Physiker und andere Nörgeler - natürlich ist da noch der Luftwiderstand...). Die Gesamte Fahrt dauert mit Beschleunigung und ewiger Bremserei ca 8 Minuten, es wackelt ganz schön, wenn der Zug in der entgegengesetzten Richtung vorbei rast, knallt's ganz kurz und ansonsten ist es doch recht gemütlich. Im Nachtzug auf dem Weg zurück nach Beijing fährt man dann wieder lahme 130...

Natürlich gibt es in Shanghai noch eine ganze Menge mehr zu sehen, aber dafür waren die zwei Tage dann doch etwas zu kurz...Ich denke, dass ich schon noch einmal dort runter fahren werde, und sei es nur des leckeren, frisch auf der Strasse gepressten Zuckerrohrsaftes oder der Menge an Restaurants aller Couleur wegen.

Und bevor ich es vergesse, wenn hier jemand von euch einen Kommentar hinzufügen will, kann er das auch ohne Registrierung entweder als Anonym (was schade wäre) oder einfach mit Namen machen - entgegen der Beschwerden, die schon kamen. Müßt ihr einfach mal gucken, ne.

Der Franz